Deutscher Schauspielerpreis 2016

Am 23. Mai wurden im Berliner Zoopalast die Deutschen Schauspielerpreise 2016 verliehen. In diesem Jahr war Maren Kroymann Teil der Jury und hat gemeinsam mit Anne Weinknecht, Prodromos Antoniadis, Walter Sittler, Rosalie Thomass, Pierre Sanoussi-Bliss (auf dem Foto v.l.n.r., (c) Michael Ruscheinsky) die schwierige Wahl getroffen.  

Nicht nur die Preisträger*innen, sondern alle Nominierten wurden am Abend mit einer Laudatio geehrt - hier noch einmal die Texte aus der Feder von Maren Kroymann zur Würdigung ihrer Kolleg*innen:

Preisträgerin Beste komödiantische Rolle Frauen 
Caroline Peters in „Süßer September“ 
Nicht mehr ganz jung, helle genug, zu begreifen, daß sie ihr bisheriges Leben ziemlich in den Sand gesetzt hat, mit selbstverständlichem, souveränem Witz ausgestattet und sehr artikulationsfähig. Man könnte diesen Typus „the brainy blonde“ nennen – die Blondine mit Hirn, analog zur „dumb blonde“, der naiven Blondine , die lange die Komödien-Szene beherrschte. Die „dumb blonde“ sagt: Ich bin ein bißchen dusselig, ihr könnt über mich lachen, die „brainy blonde“ sagt: Ich mache hier die Witze, und zwar auch über mich selbst. Zwischen diesen beiden Typen liegt ein halbes Jahrhundert Frauenbewegung. Caroline Peters händelt diese Kombi aus diskretem Glamour, Hirn und Komik in dem ihr eigenen Stil: der Mischung aus Handwerk und Persönlichkeit. Sie bringt dafür Timing, Trockenheit und erhebliche dramaturgische Gestaltungs-Fähigkeiten mit. So entgeistert, so zweifelnd, so ironisch wie sie kann keine gucken, sich, auf den Punkt formulierend, so heillos in Rage reden auch nicht. Und man schaut ihr so gerne beim Denken zu. So etwas glückt durch eine Art Geistes-Verwandtschaft mit dem Autor des wunderbaren Drehbuchs, Sathyan Ramesh, und mit so einem hinreißenden, adäquat unheroisch aufspielenden Partner wie Misel Maticevics.

Nominierung Komödiantische Rolle Frauen
Laura Tonke in „Worst Case Scenario“
Laura Tonke spielt die Hauptdarstellerin in einem Film im Film, die sich zunehmend allein gelassen sieht, weil alle ursprünglich vorgesehenen Kolleginnen und Kollegen aus dem Team nacheinander abspringen, und sie mit Laien- Darstellern und absurden Zufalls-Besetzungen konfrontiert wird. Wie ihr die Felle wegschwimmen und sie ebenso vollmundig wie erfolglos ihr Berufs-Ethos, auch ihren Status als einzige professionelle Schauspielerin hochzuhalten versucht, birgt große Komik in sich. Laura Tonkes Schauspielerin ist so, wie wir nie sein wollten, aber leider einfach sind. Und sie spielt das so, daß keineswegs nur unser Berufsstand in seinem Streben nach Wertschätzung und Geliebt-Werden gespiegelt wird. Das leicht zu Verunsichernde, die Abhängigkeit vom Feed-Back der Außenwelt, gleichzeitig das Mehr-Scheinen-Wollen als man ist, wer kenn das nicht? “Worst Case Scenario“ handelt von der Notwendigkeit, zu improvisieren, und tatsächlich, in schöner Deckungsgleichheit mit dem Thema improvisieren die Schauspieler auch ihren Text. Das glückt Laura Tonke in ihrer Figur ganz großartig und pointiert.

Nominierung Bester Haupt-Darsteller
Burghart Klaußner in „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Burghart Klaußner spielt Fritz Bauer, einen der wenigen echten Helden Nachkriegsdeutschlands, ziemlich unheldisch: Hartnäckig bis zur Sturheit, monomanisch, eigenbrötlerisch, verdruckst, mißtrauisch, ein typischer Mann jener Zeit auch darin, daß er kaum spricht - und wenn, dann bellt er eher als daß er spricht -, ein akribischer Beamter, zeittypisch verklemmt - und sehr einsam. Aus diesen nicht unbedingt sympathischen Facetten baut Burghart Klaußner sein Charakterbild von Fritz Bauer, und er bringt uns durch sein Spiel auf den Gedanken, daß ein Mann, der eine so übermenschliche Leistung in jener Zeit vollbringt, auch an seiner Seele Schaden genommen haben muß. Es ist bewegend, und nebenbei extrem unterhaltsam, Burghart Klaußner dabei zuzusehen, wie er hinter und in den Macken dieses Mannes die Größe aufscheinen läßt: Die Vision, das Unbeirrbare, den Mut, das menschlich und politisch Integre, das Kämpferische, das Unabhängige, aber auch das Zarte, das Aushalten von Einsamkeit. Besonders großartig ist Burghart Klaußners Sprache: Dieses Schwäbische, das keines sein will. Diesen - vergeblichen - Versuch der Dialekt-Vermeidung gestaltet er als Charaktermerkmal. Auch hier – wie bei der Homosexualität – ein „Du sollst nicht merken“, das etwas Tragisches und gleichzeitig sehr Komisches hat. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Humor und existentielle Tiefe sich ergänzen, auch der Regie von Lars Kraume und den wunderbaren Mitspielern geschuldet.

Nominierung Starker Auftritt:
Franz Rogowski in „Besuch für Emma“
Überraschende Komik birgt - außer, daß sie einen zum Lachen bringt - auch etwas Anarchisches in sich. Wenn Franz Rogowski Dagmar Manzel in „Besuch für Emma“ ins Schleudern bringt durch die treuherzige Ernsthaftigkeit, mit der er ihr Problem, die Einsamkeit, ungeniert aufspießt - selbstverständlich in der allerbesten Hilfs- Absicht, als guter Sohn einer emanzipierten schwäbischen Mudder - , dann winkt ein Hauch von Independent-Movie rüber in die sonst so festgezurrte Degeto-Struktur , und man meint, nicht recht zu sehen und zu hören. So spielt doch im Fernsehen sonst keiner! Dieses unglaubliche Schwäbisch, allen Ernstes! Und das in aller Unschuld! Hier ist, offenbar in feinster Abstimmung zwischen einer subversionsfreudigen Regie (Ingo Rasper), dem Drehbuch (Carlotta Ehrenberg) und dem Schauspieler Franz Rogowski, ein kleines Quantum Abseitigkeit in ein öffentlich-rechtliches 20 Uhr 15 –Stück geschmuggelt worden. Wir müssen es auch gar nicht unbedingt so hoch hängen. Wir können auch einfach sagen: Franz Rogowski hat unser Komikzentrum getroffen.

Nominierung Nebenrolle männlich
Ulrich Noethen für „Ich will Dich“
“Ich will Dich“ ist ein Film über eine Ehefrau und Mutter, die sich in eine andere Frau verliebt. Es ist auch ein Familiendrama. Wie reagieren die Kinder, der Ehemann? Ulrich Noethen gibt dem Ehemann, dem plötzlich die Macht über sein Leben entgleitet, ein enorm reiches Spektrum zwischen Fassungslosigkeit, Verletztheit, Angst, der nicht widerstandenen Versuchung zu Selbstmitleid und der ebenso verzweifelten wie vergeblichen Anstrengung, Autorität aufrechtzuerhalten. Ein Mann, der um seine Frau, aber auch um sein Selbstbild kämpft. Sehr realitätsnah, sehr heutig, sehr wahrhaftig. Die Frauen stehen im Zentrum dieses unsentimentalen, berührenden Films. Aber dieser Mann, wie Ulrich Noethen ihn spielt, packt uns durch Präsenz, in kleinen Reaktionen, auch manchmal nur mit einem Blick, einem verräterischen Zucken im Gesicht, die die Entschiedenheit seines Auftretens als reine Behauptung kenntlich machen. An diesem Partner kann die wunderbare Hauptdarstellerin Ina Weisse sich abarbeiten.

Infos zum Deutschen Schauspielpreis 

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